Teestunde: Sarah Llloyd

Das „Jingying Wenyi Chashi“ liegt, zur Straße hin offen, inmitten von rostfarbenen Häusern. Das kleine Vorderzimmer ist vollgepackt mit Tischen und älteren Männern. Alles stammt aus der Zeit um die Jahrhundert- wende oder vermittelt zumindest diesen Eindruck: die Stammgäste, das Mobiliar, das Porzellan und die getäfelten Wände in der Farbe getrockneten Blutes. Ich sitze auf einer Bank und trinke langsam und bedächtig meinen Tee.

Teehäuser werden als fragwürdige Überbleibsel einer feudalistischen Gesellschaft angesehen, als Brutstätten konterrevolutionären Denkens. Während des Großen Sprungs nach vorne gab es Versuche, sie zu schließen, aber danach tauchten sie wieder auf und werden zusehends beliebter.

Ich bin siebenundachtzig, stellt sich mein Nachbar vor. Und er ist zweiundneunzig. Dampf steigt züngelnd aus ihren Porzellantassen empor, Rauch quillt aus ihren Bongs und metallköpfigen Pfeifen, jede anders, jede ein Meisterstück handwerklichen Könnens. Ich lächle anerkennend. Dem Alter zollt man in China Respekt, sogar Verehrung.

Und wie alt sind Sie? Sechsunddreißig.. oder siebenunddreißig nach chinesischer Rechnung, nach der ein Kind bei seiner Geburt schon als einjährig betrachtet wird. Ah! Sie nicken mitfühlend. Ein dürftiges Alter.

Es ist schwer vorstellbar, allein in einem Teehaus zu sitzen. Obwohl die alten Männer ihre gewohnten Sitzplätze und speziellen Freunde haben, gehören wir alle irgendwie zusammen. Ich werde stillschweigend akzeptiert, weder angestarrt noch ignoriert. Die Männer stopfen ihre Pfeifen und spucken auf den Boden. Eine Gruppe spielt Karten. Ein Paar spielt Schach.

Eine Frau kommt mit einem dampfenden Kessel her- ein, ein bäuerliches Gesicht mit roten Wangen und kurz geschorenem Haar. Sie gießt ein, schenkt nach, und der Tee in unseren blumenbemalten Tassen entfaltet sich wie Kohlblätter. Für fünf Pfennige kann man den ganzen Tag lang Tee trinken. Es ist halb eins und Zeit zum Geschichtenerzählen. Die Sonne steht hoch, und die Schatten verschlucken nur mehr die Schnitzereien an den Häuserfronten. Ein Mann zwischen siebzig und achtzig, mit lichtem Haar und eingefallenen Wangen, steigt auf die Plattform in einer Ecke des Teehauses und läßt sich langsam auf einem Hocker nieder. Die Unterhaltung bricht ab. 

Die Karten werden weggeräumt. Alle Augen sind auf den Erzähler gerichtet, den Erben einer langen Tradition umherwandernder Geschichtenerzähler, die die chinesische Vergangenheit lebendig halten. Eindringlich schildert er die heutige Folge der fortlaufenden Saga über einen Kaiser der Ming-Dynastie, seine Darstellung von opernhaft übertriebener Mimik und Gestik begleitend. Er rollt mit den Augen, läßt den Kiefer fallen, die Sehnen am Hals sind angespannt wie die Saiten einer Geige. Er öffnet und schließt und öffnet erneut seinen Fächer. Er haut mit der Faust auf die Bank. Er steht auf, setzt sich, trägt mit Überzeugung vor und vergißt keine einzige Zeile.

Es kann keine neue Geschichte sein, aber das Teehaus ist zum Bersten voll, und die alten Männer sind sichtlich gefesselt. Die Kessel stehen müßig auf dem Tisch, der Tee in den Deckeltassen wird langsam bitter.

Nach Beendigung seiner Episode verläßt der Geschichtenerzähler das Teehaus, und ein Dutzend alter Männer geht ihm nach. Die anderen bleiben sitzen, holen Tabaksbeutel hervor, teilen Karten aus. Man hört das Klappern von Teetassen, schläfriges Stimmengemurmel, das Aufknallen von Spielkarten und das Gluckern von Wasser, wenn sie an ihren Bongs ziehen.

Sarah Lloyd, „China erfahren – ein Reisebericht“



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