Teestunde: Garth Clark, Teatime

Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war der Tee aus der englischen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Ein junger Schwede bemerkte 1809 bei seinem Englandbesuch: Nach dem Wasser ist der Tee der Engländer eigentliches Element. Dennoch war das Teetrinken damals noch eine relativ ungezwungene Angelegenheit, und erst um 1840, zweihundert Jahre nachdem der erste Tee nach England importiert wurde, entwickelte sich die Sitte des englischen Nachmittagstees. Die Herzogin von Bedford hatte es sich zur lieben Gewohnheit gemacht, sich gegen vier Uhr nachmittags ein Kännchen Tee und etwas Kuchen oder Butterbrot auf ihr Zimmer bringen zu lassen, um sich damit die Lustlosigkeit des Spätnachmittags zu vertreiben. Als sie ihre Freundinnen dazu einlud, war eine Institution geboren.

Die Zeremonie wurde bald immer verschwenderischer, da jede Gastgeberin ihre Standesgenossinnen an Aufwand zu übertreffen suchte. Es dauerte nicht lange, und der Tee wurde mit berauschendem Orangenlikör oder Rotweinpunsch hinuntergespült, und die Tische bogen sich unter der Last kalorienreicher Köstlichkeiten. Mit musikalischer Untermalung wurde der Tee aus fein ziselierten silbernen Teekannen in kostbares Porzellan eingegossen und von livrierten Dienern den eleganten Damen kredenzt, die zarte, lose über die Taille fallende Teegewänder trugen. Das Gespräch mochte wohl angeregt sein, doch drehte es sich weniger um Kunst und Philosophie als um den Austausch des neuesten lästerlichen Klatsches. Die englische Teezeremonie war, verglichen mit der bewussten Selbstbeschränkung des cha- no-yu, eine köstlich dekadente Angelegenheit.

Die Glanzzeit des Afternoon Tea wurde zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erreicht, als die hierfür typische Speisenfolge Tee, Kaffee (für Ketzer), Brot und Butter, fünferlei Sandwiches, Austern-Pasteten, Hühnerbrüstchen, zweierlei Cremes, vier Gelees, Eis, verschiedene Kuchen, Säfte und ein Glas Rotwein umfaßte. Eine komplizierte Etikette entstand, und Bücher, voll mit guten Ratschlägen, sollten die Teetrinker für die Feinheiten des richtigen Benehmens sensibilisieren. Denjenigen, die Zucker zu ihrem Tee nehmen, sei angeraten, den Löffel mit einem Minimum an Kraftaufwand zu bewegen, warnte ein Autor, und ihn auf jeden Fall vor dem Hochheben der Tasse herauszunehmen.” 

Trotz aller Auswüchse war der Nachmittagstee doch ein streng geregeltes Ritual, das mit echter Begeisterung und Achtung vor dem Tee zelebriert wurde. Die englische Teezeremonie fand sogar Gnade vor den Auge des unbestechlichen Okakura. An dem zarten Geklirr von Tabletts und Untertassen, schrieb er, am leisen Rascheln weiblicher Gastlichkeit, am etablierten Kanon von Sahne und Zucker, erkennen wir, daß die Verehrung des Tees fest verwurzelt ist. Henry James schloß sich dem an, wenn er im Anfangskapitel seines Romans „The Portrait of a Lady“ (Bildnis einer Dame) bemerkt, daß es im Leben nur wenige Stunden gibt, die angenehmer sind als die dem Ritual des Nachmittagstees geweihte Stunde das gelte sogar, fügte er hinzu, wenn man keinen Tee trinke.

Zusätzlich zum eleganten Nachmittagstee kamen in England eine Reihe von Tee-Zeremonien auf. High Tea, der, im Gegensatz zu seinem Namen, ganz und gar nicht elegant war, entstand als deftige Bauernmahlzeit. Um sechs Uhr abends serviert, glich er mehr einem Abend- essen als einem Tee und bot Schweinepasteten, Schottische Eier und andere sättigende Gerichte. Der Tee wurde üblicherweise aus einer einfachen, feuerfesten Kanne eingeschenkt und war so stark, daß im Arbeiter-Jargon „der Löffel drin steht“. In etwas abgeschwächter Form hat der High Tea in einigen Teilen Nordenglands und Schottlands bis auf den heutigen Tag überlebt.

Im neunzehnten Jahrhundert entwickelten Studenten in Internatschulen und Universitäten ihre eigenen täglichen Teerituale, indem sie Brot und Fladen an den offenen Kaminen in ihren Zimmern rösteten. In den Herrenclubs wurde ein deftiger Tee serviert, zu dem sättigende Sandwiches und leckere Kleinigkeiten wie eingemachte Krabben, scharf gewürzte Schinkentoasts und schottischer Woodcock (eine Mischung aus Sardellen, Sahne und Eiern auf heißen Toastscheiben) gereicht wurden. Für die Arbeiterklasse war der Tee dagegen eher spartanisch und bot selten mehr als einen Becher gesüßten Tees, Brot oder ein paar Kekse.

Aber für den Arbeiter wie den Herzog bedeutete das Teeritual gleichermaßen eine Atempause im Alltag. Für ein oder zwei Stunden gab es keinen Klassenkampf. Auch keinen Krieg der Geschlechter, denn die Teestunde war die Zeit, um Freunde und nicht Liebhaber zu treffen. Die sanfte Euphorie des Tees vermittelte ein Gefühl des Wohlbefindens, das Engländer in allen Lebens- lagen in den Stand versetzte, die Aufgaben des verbleibenden Tages zu meistern. Die Teestunde war eine Zeit zum Nachdenken, um Hoffnung zu schöpfen und um Tagträumen nachzuhängen. Für alle gleich und ohne jede konfessionelle Beschränkung, stellte sie gleichsam einen religiösen Akt dar, der von einer ganzen Nation Tag für Tag genossen und zelebriert wurde.

Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als die Teegeschäfte aufkamen, wurde der Nachmittagstee allen Klassen ermöglicht. Der erste dieser Läden wurde 1864 von der Aerated Baking Company (ABC) eröffnet, und da er sich als ungemein beliebt erwies, folgten weitere in ganz England. Bald entstanden im ganzen Empire Tea Rooms, und für Kinder gab es nichts Schöneres, als in einen dieser Tempel der Süßigkeiten mitgenommen zu werden, mit seinem verlockenden Angebot an Zuckerbrötchen, Sahnekuchen und köstlichen Petits fours.

Nach dem Ersten Weltkrieg büßte der Tee seinen elitären Anspruch ein, verlor aber nicht an Bedeutung. Hotels wie das Londoner Ritz richteten zwar immer noch große gesellschaftliche Teeveranstaltungen aus, doch die veränderten Wertvorstellungen, der andere Tagesablauf und die neuen Prioritäten der Gesellschaft bewirkten, daß der Tee zu Hause eine wesentlich intimere Angelegenheit wurde, zu der man nur noch die Familienmitglieder oder enge Freunde bat. Dieser Wandel der Werte zeigte sich in den zwanziger Jahren durch die Beliebtheit der sogenannten Tête-à-Tête-Teeservice für zwei Personen. Zunehmendes Gesundheitsbewußtsein und wachsendes Interesse an der Mode trugen auch dazu bei, die Speisenfolge beim Nachmittagstee wieder auf ihr ursprüngliches Ausmaß zu reduzieren: ein paar Sandwiches und ein Stückchen Kuchen.

Mit der Einführung des Tanztees in den dreißiger Jahren nahm die Teezeremonie eine neue Form an. Da konnte man eine Tasse Tee genießen und zu den Klängen der gerade aktuellen Big Bands tanzen. Aber die Hektik der modernen Welt hat unsere Freizeit langsam untergraben und den Nachmittagstee von einem tagtäglichen Ritual zu einem seltenen Luxus werden lassen.

Garth Clark

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