Teegelesen: Johannes K. Soyener „Teeclipper“

Neben zahllosen Sachbüchern zum Thema Tee gibt es auch einige spannende Romane, die sich mit dem Tee und seiner Geschichte beschäftigen. Dieses mal taucht der Teeguru mit euch ab zu den großen Teeclipper-Rennen im 19 Jahrhundert, bei denen es darum ging, den ersten Tee der neuen Ernte als schnellster von China nach London zu bringen. Lukrative Verträge waren die positive Folge, Existenzverlust bei Niederlage nicht undenkbar. Im Jahr 1866 war das Rennen besonders knapp. Johannes Soyener erzählt uns die Geschichte dahinter auf über 800 spannenden Seiten – von denen aber nur sehr wenige wirklich Bezug zu Tee haben.

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Die Geschichte begleitet den schottischen Clanchef Mackay und seine 3 Söhne 37 Jahre lang und beginnt im Jahre 1832. Ihr Clan lebt von schwarzgebranntem Whisky, weil das Land nichts anderes hergibt. Der ansässige Herzog lässt die Highländer mit Gewalt vertreiben, um Platz für seine riesigen Schafherden zu schaffen, die mehr Profit versprechen als die Pächter. Es ist die Zeit der Vertreibung in den Highlands Schottlands.

Sie fliehen nach England, der jüngste Bruder heuert auf einem Schmugglerschiff an, ihn verliert man jahrelang aus den Augen. Morgan, der mittlere Bruder, fährt als Offizier auf Englands schnellstem Zollschiff. Die von ihm gewonnenen Informationen über geplante Einsätze verkauft der älteste Bruder an die Schmuggler. Den Gewinn vermehrt der Vater, nach London entkommen, mit Erfolg an der Börse.

Nach zehn Jahren kamen der jüngere Bruder und seine Familie nach England und beschlossen, eine Karriere im Teehandel und im Schiffbau einzuschlagen. Der Wettbewerb zwischen den Werften entwickelte sich nun zu einem Wettlauf darum, als erstes Schiff mit der neuen Teeernte in London anzukommen. Da der Tee auf dem Seetransport oft nass und feucht wurde, schimmelte er schneller, als ihn die High Society Englands in die Finger bekommen konnte.

Die Brüder nehmen mit 3 Schiffen teil. Der Ausgang wird entscheidend sein für die Rettung oder den Untergang des Clans.

Die Handlung ist spannend und gut strukturiert. Soyener hat es geschafft, in 16 Kapiteln eine Atmosphäre von Abenteuer und ungewisser Schicksalhaftigkeit zu schaffen. Der Leser erfährt interessante Details über den historischen Teehandel und das Leben auf einem Segelschiff. Die Beschreibungen der Seereisen sind lebendig und packend. Man fühlt sich regelrecht in die Zeit und die Schauplätze hineinversetzt.

Es ist allerdings eher die Familiengeschichte eines schottischen Clans, die in den schottischen Highlands beginnt und ca. 30 Jahre später in London endet. Dazwischen gibt es Abenteuer auf der ganzen Welt, vor allem aber auf den Weltmeeren. In der ersten Hälfte dreht sich alles um Whisky und Schmuggel desselben, in der zweiten Hälfte geht es dann um Schiffbau und Tee-Import.

Besonders beeindruckend ist die Sorgfalt, die Soyener auf die historische Genauigkeit der Story legt. Es ist spürbar, dass er sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Die Beschreibungen der damaligen Handelsrouten und der Handelsbeziehungen sind äußerst präzise und fesselnd.

Alles in allem ist “Teeclipper” von Johannes K. Soyener ein Roman, der sowohl historisch Interessierte als auch Liebhaber von Abenteuerromanen begeistern wird. Die Mischung aus spannender Handlung, interessanten Charakteren und historischen Fakten ist sehr gelungen.

Trotzdem handelt dieses Buch keineswegs schwerpunktmäßig von dem Teeclipper-Rennen im Jahre 1866. Der Titel des Buchs spielt nur auf den letzten paar Dutzend Seiten eine Rolle. Liest man das Buch unter Berücksichtigung dessen, sitz man nicht allein vor einem Buch, sondern befindet sich unter den Mackays im Norden Schottlands.

Die beste Zeit zum Lesen ist ein Winterwochenende, wenn das Wetter ungemütlich ist und ein Teegrog in Reichweite scheint.

 

Warum unbedingt dieses Buch lesen?

Für Freunde der umfassenden Epochenliteratur, der Geschichte Schottlands mit Belletristikschwerpunk. Wer hofft, einen Roman über Tee und die Teeklipper zu lesen, wird eher enttäuscht. Das Wort Teeklipper taucht erst nach Seite 500 zum ersten Mal auf. Der Titel mag gut klingen, entspricht aber nicht dem Schwerpunkt des Buchs. Für reine Teeliebhaber nur als Beiwerk geeignet, wenn man sich für die Epoche der Teeclipper interessiert.

Was macht das Buch einzigartig?

Der Schriftsteller bietet eine der besten Quellen spannender, historischer und aufschlussreicher Unterhaltung, wenn man sich für technische Details damaliger Entwicklungen aus einer vergangenen Epoche interessiert. Europa dominierte die Welt und seine Kolonien, es gab Aufbruchsstimmung, Rekorde und Innovation. Alles schien möglich und wurde versucht.

Für wen ist dieses Buch eher nicht geeignet?

Als Teeliebhaber nur als Beiwerk oder für bibliophile mit der gebundenen, 800 Seiten starken Ausgabe in schönem Einband sinnvoll. Inhaltlich wenig neues zum Gesamtthema Tee, wenngleich die Epoche der Teeclipper eine spannende Zeit der Teegeschichte war.

Der Teeguru meint: 

Stark im Aufguss, aber falsch etikettiert. Wenn ich Darjeelingtee möchte, bringt mir ein großer Kamillentee eher keine Freude. Gelegentlich erwischte ich mich dabei, wie ich eher zum Whiskey greifen wollte als zum Tee. Wer allerdings einen spannenden Ausschnitt aus der schottischen Zeitgeschichte oder einen Seefahrerroman lesen möchte, wen das Abenteuer auf der See mit dem großen Finale des Teeclipper-Rennens am Ende anspricht, liegt garantiert richtig.Für reine Teeliebhaber trotzdem keine Empfehlung.

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