Inhaltstoff EGCG - Ist grüner Tee gefährlich?
Auf den Packungen von Grüntee-Extrakt steht neuerdings: „Nicht verzehren, wenn am selben Tag andere Produkte mit grünem Tee konsumiert werden“. Was bedeuten diese Warnungen? Ist Grüntee doch nicht so gesund, wie alle denken, oder ist Grüntee-Extrakt sogar schädlich? Der Teeguru versucht eine nüchterne Einordnung der Fakten zu EGCG.
Grüner Tee wird aus den Blättern der Teepflanze hergestellt. Ein wichtiger Inhaltsstoff sind Catechine. Sie sind auch für die Wirkung auf die Gesundheit verantwortlich. Am wichtigsten davon wiederum ist Epigallocatechingallat (EGCG). Es wirkt gegen freie Radikale und Entzündungen. Das wurde schon in vielen Studien untersucht. Präparate mit grünem Tee-Extrakt werden zum Beispiel bei hohem Cholesterin und hohem Blutdruck getestet. Außerdem zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zur Förderung der Fettverbrennung.
Inzwischen wurden mehr als 300 Substanzen aus grünem Tee isoliert und untersucht. Zu den bekanntesten Inhaltsstoffen gehören verschiedene Flavonoide (zum Beispiel Kaempferol, Quercetin und Myricetin) und das Antioxidans Epigallocatechin-Gallat (EGCG). Dabei handelt es sich um eine Verbindung der Gallussäure mit Epigallocatechin. EGCG macht etwa 30 % der Trockenmasse von grünem Tee aus. In schwarzem Tee ist der Gehalt viel geringer. EGCG hat antioxidative, antitumorale und immunmodulierende Eigenschaften. Das haben zahlreiche Labor- und Tierversuche gezeigt.
Es ist aber noch nicht bekannt, ob diese Effekte auch beim Menschen auftreten, welche Dosierungen dafür nötig sind und ob es Nebenwirkungen gibt. EGCG ist nach der Einnahme instabil, wird kaum vom Körper aufgenommen, hat eine kurze Halbwertzeit und bindet an viele verschiedene Moleküle. Deshalb ist es schwierig, die Ergebnisse von Laborversuchen auf den Menschen zu übertragen. EGCG eignet sich deshalb nicht gut für Tests in klinischen Studien.
Doch nicht alle Studien sind gut: Es gibt Bedenken, dass EGCG der Leber schaden könnte. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat Grüntee untersucht. Es gab Fälle, in denen Menschen nach dem Trinken von Grüntee eine Lebererkrankung erlitten. Man dachte, dass der hoch dosierte Grüntee-Extrakt der Grund dafür war. Das hat Wissenschaftler aufmerksam gemacht. Auch die Verbraucher sind verunsichert.
In den Studien stiegen bei den Teilnehmern im Vergleich zu den Kontrollpersonen bestimmte Leberwerte an. Das deutet darauf hin, dass die Leber geschädigt wurde. Die EFSA sagt, dass Dosierungen von 800 Milligramm EGCG oder mehr pro Tag für die Leber schädlich sein könnten. Die Experten wissen noch nicht, welche Dosis von EGCG unbedenklich ist. Das liegt daran, dass die Extrakte auf verschiedene Arten hergestellt werden und unterschiedlich zusammengesetzt sind. Es gibt aber auch noch keine guten Studien dazu.
Die neue „Grüntee-Verordnung“ – nicht mehr als 800 mg EGCG am Tag
Die Europäische Kommission hat auf die Bedenken der EFSA reagiert und im November 2022 eine Verordnung erlassen. Sie gilt für Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln. Seitdem dürfen nur noch Präparate verkauft werden, die den Anforderungen entsprechen.
Diese sind: Auf dem Etikett muss stehen, wie viel EGCG pro Portion enthalten ist. Insgesamt darf die Menge pro Tag 800 Milligramm nicht überschreiten. Wenn es um isoliertes Epigallocatechin-3-gallat geht, gilt ein Höchstwert von 150 mg Extrakt pro Portion. Der Hersteller muss kenntlich machen, dass 300 Milligramm des Extraktes nicht überschritten werden sollten. Zudem sind Hersteller verpflichtet, auf der Verpackung folgende Warnhinweise anzugeben:
„Nicht verzehren, wenn am selben Tag grüner Tee getrunken wird“
„Nicht für Schwangere, Stillende und Kinder unter 18 Jahren“
„Nicht auf nüchternen Magen essen.“
Warum gibt es diese Warnungen?
Die Warnhinweise sollen verhindern, dass man zu viel Grüntee-Extrakt auf einmal nimmt. Wenn man die Präparate nüchtern einnimmt, steigt der EGCG-Spiegel in der Leber mehr an. In Tierversuchen hat die Einnahme auf nüchternen Magen die Leberschädigung verschlimmert. Deshalb sollte man sie zusammen mit Essen nehmen. Es ist besser, wenn man die Tagesdosis auf mehrere Mahlzeiten verteilt. So wird die Leber weniger belastet.
Grüntee-Kapseln sind nicht per se gefährlich, da sie zukünftig auch auf 150 mg pro Kapsel beschränkt sind. Man sollte allerdings nicht mehr als 300 Milligramm EGCG pro Tag einnehmen und die Hinweise auf der Verpackung befolgen.
Außerdem ist es wichtig, auf die Qualität zu achten. Seriöse Hersteller führen Laborkontrollen durch, um Verunreinigungen auszuschließen. Schadstoffe in grünem Tee sind ansonsten eine zusätzliche Belastung für die Leber.
Bei Vorerkrankungen der Leber sollte man die Einnahme von Grüntee-Präparaten mit einem Arzt oder Mikronährstoff-Experten besprechen. Das gilt auch, wenn in der Familie Leberprobleme vorkommen. Der Experte kann die Leberwerte kontrollieren. Auch wenn Medikamente eingenommen werden, sollte man sich absprechen. Es kann zu Wechselwirkungen kommen. Daher wird oft ein Einnahmeabstand von zwei bis vier Stunden empfohlen.
Es gibt keine Studien zu Grüntee-Extrakt in der Schwangerschaft und Stillzeit. Deshalb sollte man darauf verzichten. In der Schwangerschaft kann man grünen Tee als Getränk in moderaten Mengen trinken. Schwangere sollten nicht mehr als 200 Milligramm Koffein am Tag zu sich nehmen. Das sind etwa zwei bis drei Tassen Grüntee.
Für Kinder unter 18 Jahren gibt es noch keine Untersuchungen zu Grüntee-Kapseln. Deshalb muss ein Arzt oder eine Ärztin entscheiden, ob man das Mittel nehmen darf.
Grüner Tee als Getränk ungefährlich
Die EFSA sagt aber auch, dass Grüntee als Getränk sicher ist. Er ist von der Verordnung ausgenommen. Durch Tee nimmt man in Europa im Durchschnitt zwischen 90 und 300 Milligramm EGCG pro Tag zu sich. Manche starke Teetrinker nehmen über den Tag verteilt mehr als 800 Milligramm EGCG zu sich. Teetrinker hatten seltener Leberschäden. Das liegt wohl daran, dass man grünen Tee seltener auf nüchternen Magen oder öfter über den Tag verteilt trinkt. Tee enthält auch andere Stoffe.
Der Teeguru meint:
Einerseits spricht man von nachgewiesenen Leberschädigungen durch zu hohe Dosierung bei Grünteepräparaten, andererseits soll Tee trinken unkritisch sein – für medizinisch unbedarfte, ganz normale Teeliebhaber mal wieder eine Zumutung, diese Aussagen.
Das wichtigste für uns zuerst: Tee trinken sollte auch weiterhin unbedenklich sein. Selbst bei mehreren Litern pro Tag im Winter wird man die jetzt empfohlene Höchstmenge von 800 mg EGCG nicht dauerhaft überschreiten. Und überhaupt weiß mal wieder niemand, wie man das den Menschen nachvollziehbar verkaufen kann. Beim Tee wären die Mengen sowieso anders zu bewerten, der Brühprozess und die Aufnahme im Magen wären komplett anders, die Substanz nicht hitzestabil und so weiter und so fort.
Teetrinker dürften in den seltensten Fällen zu den Nutzern von Grünteeextrakt-Nahrungsergänzungsmitteln gehören. Warum? Weil wir die guten Stoffe schon über den Tee zu uns nehmen. Und weil wir für Natur statt künstlicher Ergänzung sind (wo dies möglich ist).
Und weil die EGCG-Präparate zu den komplett ungenormten Stoffen im Markt der Zusatzstoffe zählten, macht Vorsicht einfach Sinn. Selbst überzeugte Freunde der Nahrungsergänzung schauen genau hin, was sie einnehmen und vor allem von wem. Der Markt ist unreguliert, aber dadurch eben bei manchen Substanzen auch manchmal nicht ungefährlich.
Am Ende sollte eine andere Erkenntnis bleiben: Wenn dieses EGCG so wirkmächtig ist, dass eine Überdosierung zu ernsten Problemen führen kann, dann ist wieder einmal bewiesen, dass im Tee in gesundem Umfang offensichtlich tolle Stoffe enthalten sind, die im Körper in vernünftiger Menge auch helfen und wirken. Wer Tee heute immer noch als reines Genussmittel abtut, der hat die Ergebnisse der Forschung aus den letzten 10 Jahren einfach ignoriert.
Und damit schließt sich für den Teeliebhaber der Kreis. Im Naturprodukt Tee hat die Natur schon dafür gesorgt, dass nichts unbedarft übermäßig enthalten ist. Deswegen lieben ihn alle Kulturen um den Globus. Und deswegen können wir uns bei solchen Meldungen zurücklehnen und erstmal Tee trinken!
https://medizin-transparent.at/anti-krebs-wirkung-von-grunem-tee-unbelegt/#ref8
https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32022R2340