Seit einem Jahrzehnt trank er nach jedem Essen einen Tee. Es mußte ein ganz besonderer Tee sein, das Glas nicht zu voll, damit Zipper es am oberen Rand fassen konnte, ohne sich die Finger zu verbrühen.

War aber der Rand zu breit gelassen, so sagte er witzig: „Was kostet ein ganzes Glas, Madame? War der Tee zu hell, so schickte er ihn zurück, damit er länger aufgebrüht werde. War er zu dunkel, so verlangte er warmes Wasser.

Er bekam es in einer metallenen Kanne, deren Henkel so heiß war, daß er ihn mit einem Taschentuch anfassen mußte; und obwohl er wußte, jedenfalls aus Erfahrung wissen mußte, daß der Henkel nicht zu fassen war, griff er doch immer mit nackten Fingern nach ihm, fuhr erschrocken zurück, schüttelte die Hand in der Luft wie einen weißen Vogel und durchbohrte seine Frau dabei mit jenem Blick, mit dem man einen bedenkt, der uns auf ein Hüh- nerauge getreten ist.

Niemals vergaß der alte Zipper, sich über den Tee, seine Zubereitung, die verschiedenen Arten, seine Heilkraft, seine Schädlichkeit zu verbreiten. Mindestens sechzehnmal habe ich selbst aus seinem Munde gehört, wie er sich einmal einen Teerausch angetrunken hatte. Es war allerdings, schloß Zipper, kein Tee wie dieser hier! Und dabei sah er seine Frau an.

Joseph Roth

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