Teestunde: Bernd Merzenich, Al Imfeld

In alten chinesischen Schriften werden Tee bzw. Teepflanze unter verschiedenen Namen Tu, She, Ch’uan,Kia oder Ming erwähnt. Seit dem 5. Jahrhundert bürgerte sich in China und Japan das bis heute gebräuchliche Wort Ch’a ein. Im Amoy-Dialekt ist von T’e die Rede; diese Bezeichnung wurde mit der Einführung des Tees durch Holländer und Engländer im 16. Jahrhundert in Europa übernommen. Der deutsche Arzt und Forschungsreisende Engelbrecht Kaempfer (1651 bis 1716) und der schwedische Botaniker Carl von Linné (1707 bis 1778) führten den botanischen Namen Thea ein. Die Teepflanze gehört innerhalb der botanischen Familie der Theaceae zur Gattung der Kameliengewächse. 

Man unterscheidet zwischen den beiden Arten Thea (oder Camellia) sinensis und Thea (Camellia) assamica, wobei sich die Wissenschaftler uneins sind, welche von beiden die ursprüngliche Teepflanze ist. Tee ist ein immergrünes Baumgewächs mit gelblich-weißen Blüten und hartschaligen, haselnußähnlichen Früchten. Die kurzstieligen, lederartigen Blätter besitzen einen gezahnten Rand. Die Unterseite der jüngeren Blätter sowie die Blattknospen sind mit einem feinen Flaum bedeckt, der – bei den Blatt-Tees – nach der Verarbeitung als silbriger Schimmer sichtbar ist.

Der Tee benötigt zum guten Gedeihen geeignete Umweltbedingungen: mittlere Jahrestemperaturen von mindestens 18°C und Höchstwerte von 32°C im Schatten, keinen bzw. seltenen und mäßigen Frost, täglich mindestens vier Stunden Sonne und gleichmäßig über das Jahr verteilte Regenfälle von wenigstens 1600 Litern. Die Teepflanze, die eine bis zu sechs Meter lange Pfahlwurzel entwickelt, braucht einen tiefgründigen, gut durchlüfteten, nährstoffreichen und sauren Boden. 

Bergregionen werden zum Teeanbau nicht nur wegen ihrer Sonnenlagen bevorzugt, sondern ebenso aufgrund ihrer Möglichkeiten zur Entwässerung: Tee verträgt keine stauende Nässe. In vielen Anbaugebieten schützt man die Teepflanzungen durch Schattenbäume vor zu starker Sonneneinstrahlung und Bodenerosion.

Die Grundlage aller Teekulturen bilden die beiden Ur-Teepflanzen Thea sinensis (Chinapflanze) und Thea assamica (Assampflanze). Die Thea sinensis bleibt auch ohne Beschneiden strauchartig und wächst nicht höher als drei bis vier Meter. Sie entwickelt kleinere und zartere Blätter als die Assampflanze, eignet sich besonders für gemäßigte Klimazonen und verträgt sogar Frost. Die Thea assamica dagegen wächst, unbeschnitten, zu einem Baum von bis zu 15 Meter Höhe. Sie treibt grössere Blätter und bringt höhere Erträge als die Chinapflanze; als reines Tropengewächs benötigt sie viel Wärme.

Regelmäßiges Beschneiden hält die Teepflanzen auf einer Höhe von etwa einem Meter. Der Teebusch bleibt so in seiner vegetativen Phase und treibt immer wieder neue Blätter und Äste. Ließe man ihn seine reproduktive Phase, in der er blüht und Früchte trägt, erreichen, würde er kaum neue Triebe entwickeln. Darüber hinaus ist die Höhe von etwa einem Meter optimal für ein bequemes und schnelles Pflücken.

Um gleichzeitig widerstandsfähigere, für die verschiedenen Anbaugebiete und Umweltbedingungen besser geeignete, ertragreichere, aromatischere sowie gegen Schädlinge und Pflanzenkrankheiten in den unterschiedlichen Regionen resistentere Teepflanzen zu erhalten, wurden die beiden Urpflanzen immer wieder gekreuzt. Die so entstandene Assam-Hybride hat sich dabei als besonders vorteilhaft erwiesen und diente als Pflanzmaterial für die meisten Teeanbaugebiete der Welt.

Dies bedeutet jedoch nicht, daß die Unterschiede zwischen den verschiedenen Teesorten in Qualität und Ge- schmack überwiegend auf die Teepflanze selbst zurückzuführen sind. Wesentlich wichtigere Faktoren sind Anbaugebiete, Höhenlage, Klima, Sonneneinstrahlung, Bodenbeschaffenheit, nicht zuletzt die Sorgfalt beim Pflücken und bei der Weiterverarbeitung des Blattgutes. 

Schon innerhalb einer einzigen Anbauregion oder selbst einer großen Plantage erhält man eine Vielzahl unterschiedlicher Tees, deren Geschmack und Qualität je nach Jahreszeit verschieden ausfallen. In dieser Beziehung läßt sich Tee am ehesten mit Wein vergleichen: Jeder Weinberg in jedem Jahrgang bringt seinen gleichzei- tig typischen und individuellen Wein hervor. Ein Weintrinker weiß, daß sein bevorzugter Rebensaft in jedem Jahrgang leicht anders ausfällt, die meisten Teetrinker hingegen legen offensichtlich Wert darauf, daß ihr Tee ständig gleich schmeckt. 

Die Mehrzahl der Verbraucher wählt ihre Teesorte nicht nach einem bestimmten Anbauland oder -gebiet aus, sondern orientiert sich an den Markennamen der Teehandelsfirmen und akzeptiert damit eine ständige Geschmacksvereinheitlichung und Qualitätsverflachung. Sind Mischungen aus Tees einer einzigen Anbauregion noch sinnvoll, so entsprechen vor allem Billigmarken häufig einem Verschnitt aus  einem sauren rheinischen Riesling, einem schweren badischen Gewürztraminer, einem trockenen Bordeaux-Rotwein und einem süßen ungarischen Rosé – ein Frevel für jeden Weinliebhaber.

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