Teestunde: Claire Goll

Der Apotheker Diot hat sich entschuldigt ob der Geruchlosigkeit des Präparats. Er wäre schon etwas alt, hat er erklärt, nach einigen Monaten verflüchtige sich der Geruch, aber das tue der Wirksamkeit nicht den geringsten Abbruch; ganz genau diese Worte hat er gebraucht: Der Wirksamkeit nicht den geringsten Abbruch. 

Einige Tropfen in den Tee und und was? Sie wirft sich auf ihr Bett, versteckt ihr Gesicht in dem weichen Weiß der Kissen. Wie kommt sie darauf? Sie, Susanne, die noch nie einer Mücke etwas zuleid getan hat. Ihre Antipathien sind immer nur bis zum Wunsch gegangen. Sie hat einmal ihrem Vormund, ein andermal Frau Emery den Tod gewünscht. Dem Vormund vielleicht sogar mehrere Male. 

Sie will ganz ehrlich mit sich selbst sein. Er hatte ihr auch wirklich viel Ungerechtigkeit widerfahren lassen. Aber damals war sie noch ein kleines Mädchen gewesen. Kinder sind grausam ohne es zu wissen. Jetzt aber, als erwachsener Mensch, bewußt an einem anderen Wesen einen Mord zu begehen? Ah, was für ein Wort! Wozu diese theatralische Bezeichnung für eine so einfache Handlung, die darin besteht, einige Tropfen ei- ner Flüssigkeit in eine Tasse Tee zu schütten. […]

Der Tee sieht besonders dunkel in dem opalenen Glas aus, das einen milchigen Widerschein auf die Flüssigkeit wirft.

Malou bekommt ganz hellen Tee, sagt Susanne, als sie die drei in der Küche vorbereiteten Tassen auf dem Servierbrett hereinträgt. Die Unsicherheit ihrer Hände ist so stark, daß das Brett schaukelt und der Tee überschlägt und in die Unterteller tröpfelt. Ihre Angst, die Tassen zu verwechseln, ist maßlos.

Wieviel Zucker, Gaby? Noch einen, noch einen, fleht sie förmlich. Und etwas Milch, nicht wahr? Ein eventueller verdächtiger Geschmack wird durch den Zucker versüßt, die Milch aber macht den Tee wolkig, so daß Gaby nicht auf den Grund der Tasse sehen kann, und Susanne fürchtet ja so sehr, daß eine Trübung, ein Niederschlag auffällt. Die krankhafte Zwangsvorstellung, sich in den Tassen geirrt zu haben, überfällt sie. Nur nicht die falsche Tasse vor das Kind hinstellen, hat sie in der Küche unausgesetzt gedacht. 

Es ist um so schwerer, die Tassen auseinanderzuhalten, als sich diese verdoppelt haben. Aus dreien sind sechs geworden. Und das kommt daher, daß sich die Vision von der teetrinkenden Gaby, die sie seit zwei Tagen und Nächten verfolgt, zwischen sie und die wirkliche Gaby schiebt. Und wie verschieden die beiden auch voneinander sind, sie sehen sich doch zum Verwechseln ähnlich. Ganz genau so hatte die Gaby ihrer verbrecherischen Träume die Finger an den Henkel gelegt wie jetzt die echte. Gaby, das Kind, die Tassen, alles ist noch einmal da, und darum ist es nur zu leicht möglich, daß sie sich geirrt hat. Und wenn sie sich auch nicht geirrt hat, man muß auf unvor gesehene Zufälle gefaßt sein. 

Malou kann plötzlich aus Versehen die Tasse der Mutter nehmen. Vielleicht auch bittet sie diese, wenn sie schon ausgetrunken – Kinder trinken schnell und gierig – ihr noch einen Schluck aus ihrer Tasse abzugeben. Das Kind ist gewiß durstig. Es hat so viel süße Kuchen gegessen. Es heißt aufpassen, ihm schnell wieder neuen Tee einschenken. Und während Susannes metallener Blick wie gebannt an Gaby hängt, die eben ihre Tasse an die Lippen setzt, gibt sie ihr die besten, uneigennützigsten Ratschläge zur Förderung ihres Geschäfts. Sie hat aus dem Buchladen die neuesten Nummern der Pariser Modezeitschriften mit heraufgenommen. Beide sitzen nun so eng, als läge nicht eine Gruft in des Wortes wahrster Bedeutung zwischen ihnen.

Ich würde die neuen weißen Filzhütchen mit schwarzen Pleureusen und Hahnenfedern garnieren, Gaby. Es scheint ihr, als wären Tage, Wochen vergangen, seit Gaby den Tee zu sich genommen hat, als wäre sie gealtert. Nicht mehr dreiundzwanzig Jahre alt, sondern eine Greisin, die die tragischsten Augenblicke ihres Lebens längst hinter sich hat. Und doch steht ihr das Schlimmste noch bevor. Werden sich die Folgen bald bemerkbar machen oder später? Sie muß Gaby dazu bringen, sich schnell zu verabschieden.

Claire Goll

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